„Liebe ist unsterblich, der Tod nur ein Horizont“

Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.11.2004, von Nina Trentmann

Virtuelle Gedenkstätten werden in Deutschland immer beliebter. „Begraben“ sind auf den sogenannten Internet-Friedhöfen meistens Unfallopfer, von denen es keine sterblichen Überreste gibt.

Wer auf die Internetseite www.memoriam.de klickt, findet virtuelle Gräberfelder. „Und Liebe ist unsterblich, und der Tod nur ein Horizont, und der Horizont ist nur die Grenze unseres Blickes“, steht auf der Anzeige für den jungen Florian, der bei einem Unfall ums Leben kam.

Das Hintergrundbild zeigt eine stille Meeresbucht und eine Möwe. Darunter steht: „Florian ging uns am 1. Juli 2000 voraus.“ Wie Florians Mutter versuchen Hinterbliebene, ihrer Trauer Herr zu werden. Sie erinnern mit einem Eintrag in einen Internetfriedhof an den geliebten Verstorbenen.

Internet: Offizielle Gedenkstätte

Kai Sender ging es vor drei Jahren ähnlich. Michael, der Zwillingsbruder seiner Frau, war 1991 bei einem Motorradunfall tödlich verunglückt. „Wir wollten zum zehnten Todestag eine ,In memoriam‘-Anzeige in der Zeitung schalten. Weil das Internet gerade neu war, haben wir statt dessen die Seite www.memoriam.de gegründet“, erklärt Sender. Ein Sternenhimmel, Fotos, Widmungen und Danksagungen erinnern dort an den Toten.

„Wie war Michi?“ sei die Frage gewesen, nach der sie die Seite gestaltet hätten. Was als private Gedenkstätte begann, ist heute die offizielle Adresse für den Internetfriedhof des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. „Wir hatten in diesem Jahr bisher rund 100.000 Besucher. Die Aufträge sind jedoch kaum erwähnenswert“, sagt Sender, der beim Gemeinnützigen Beerdigungsinstitut in Bremen als Bestatter arbeitet. Jährlich kommen nur drei oder vier neue Einträge in das virtuelle Gräberfeld von memoriam.de.

„Rituelles Vakuum“

Während das Thema Internetfriedhöfe in Deutschland zwar die Medien beschäftigt, aber wenig genutzt wird, boomen in den Vereinigten Staaten die virtuellen Erinnerungsplätze. „Dort gibt es etwa 80.000 Internetfriedhöfe. Wir erwarten, daß sich diese Entwicklung auch in den europäischen Staaten durchsetzen wird“, erklärt der Bestatter.

In Deutschland und England gibt es die Seiten seit einigen Jahren, in Frankreich ist das Phänomen noch weitgehend unbekannt. Für Cordula Caspary, Bestatterin aus Bremen, ist das Gedenken an den Toten im Internet Folge des Zeichen- und Ritualverlustes der Zeit: „Wir haben viele Rituale aufgegeben, es gibt da ein rituelles Vakuum.“

Einjährige Trauerzeit, schwarze Kleidung, der Gang zur Grabstätte, Trauerrituale, die noch vor 20 Jahren zusammen mit der dominierenden Stellung der Kirchen selbstverständlich gewesen seien, hätten ihre Gültigkeit verloren. „Die Internetgedenkstätten haben ihre Wurzeln in der verstärkten Individualisierung. Gerade weil Tod und Trauer heute ausgeklammert und wenig öffentlich diskutiert werden, suchen die Hinterbliebenen nach einem Halt.“ Internetfriedhöfe seien auch eine Form der Emanzipation vom Einfluß des Glaubens, meint die 38 Jahre alte Frau.

Abschied wird im Internet nachgeholt

„Heute gibt es eher die Einstellung ,trauere, wie du möchtest'“, sagt auch ihr Kollege Kai Sender. Wenn jemand bei einem Flugzeugabsturz umgekommen ist und es keine sterblichen Überreste gibt oder wenn der Tote eine Seebestattung gewünscht hat – das seien Situationen, in denen Menschen eine virtuelle Gedenkstätte einrichten. Das meint auch Dr. Ira Spieker, Kulturwissenschaftlerin am Institut für Rurale Entwicklung an der Universität Göttingen.

Sie untersucht seit zehn Jahren gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Gudrun Schwibbe vom Institut für Kulturanthropologie das Phänomen virtuelle Friedhöfe. „Wenn man sich nicht verabschieden konnte, wird das oft im Internet nachgeholt“, sagt sie.

Traueranzeigen: Form der Selbstdarstellung

Sie sieht das Bedürfnis, Trauer öffentlich zu machen und die Individualität des Toten darzustellen. „Virtuelle Traueranzeigen sind auch eine Form der Selbstdarstellung des Angehörigen, der die Anzeige aufgibt.“ Ein Engel, ein leeres Boot, Uhren ohne Zeiger sind Symbole für den Tod, die in vielen Traueranzeigen im Internet auftauchen. Wer möchte, kann auch die Stimme des Toten oder einen Film in die persönliche Seite einbringen. Auf amerikanischen Seiten können Besucher der Seiten in Anlehnung an das Anzünden einer Kerze oder das Ablegen eines Blumenstraußes virtuelle „Candles“ oder „Flowers“ am Cyberfriedhof hinterlassen.

Nicht alle Internetseiten wollen ein Zeichen für die Toten sein: „Es gibt auch Seiten, die das ewige Leben versprechen oder die per Mail Kontakt mit dem Toten vorgaukeln“, kritisiert Cordula Caspary. www.ewiges-leben.de ist so eine Seite. Solange es das Internet gibt, wird hier suggeriert, ist der Tote unsterblich und kann nicht vergessen werden. „Das ist natürlich völliger Quatsch“, meint Franz Herzog, Referent für die Deutsche Bischofskonferenz der katholischen Kirche.

„Moment der Dauerhaftigkeit“

„Das ist das Makabre an den Seiten: Sobald man sie aus dem Netz nimmt, wird der Mensch quasi ,gelöscht‘. Er ist der Ansicht, daß die Internetgedenkseiten das Leben des Toten konservieren, die Hinterbliebenen in einen Dauertrauerzustand versetzen und ihnen eine gesunde Trauer verweigern. „Viele Betreiber werben mit dem Moment der Dauerhaftigkeit, obwohl jeder genau weiß, daß Internetseiten unauffindbar werden können“, sagt Ira Spieker.

Für Kai Sender sind die virtuellen Gedenkstätten dagegen ein Schritt in der Verarbeitung der Trauer: „Ich habe durch das Internet einen Mann aus Singapur kennengelernt, der ein ähnliches Schicksal hatte. Dieses Gefühl, da ist jemand, der dasselbe erlebt hat, hat mir sehr geholfen.“

Auch wenn auf manchen Seiten die zeitliche Unbegrenztheit des Mediums gepriesen wird, haben die Anzeigen eine begrenzte Lebensdauer: „Irgendwann ist die Trauer vorbei, irgendwann muß sie beendet sein“, sagt der Bestatter. „Mit den Internetfriedhöfen stellt man sich dem endgültigen Punkt ,Tod‘ nicht, es hat nichts von Vergänglichkeit und Verwesung, weil man durch Tagebücher oder Briefe immer wieder etwas zu den Traueranzeigen hinzufügen kann“, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Spieker.

„Beim Cyberfriedhof bleiben viele Fragezeichen“

„Ist eine solche Darstellung menschenwürdig? Ist sie voyeuristisch?“ fragt Herzog und kann diese Fragen doch nicht abschließend beantworten. Auch Cordula Caspary ist sich in ihrem Urteil nicht sicher. „Beim Cyberfriedhof bleiben viele Fragezeichen.“ Der Preisgabe von intimen Gedanken und Erinnerungen – wer eine Internetanzeige für einen Verstorbenen schaltet, nimmt das in Kauf. „Viele kommen durch Zufall auf die Trauerseiten oder lesen aus Neugierde. Das muß jeder selbst entscheiden, ob er seine Gefühle so öffentlich machen will“, meint die Bestatterin.

Ira Spieker geht sogar einen Schritt weiter: „Die virtuellen Gedenkstätten üben dieselbe Faszination wie Fernseh-Soaps aus. Weil die Todesfälle in der Realität geschehen sind und nicht in einem Drehbuch standen, sind die Internetfriedhöfe vielleicht noch interessanter als die Soaps.“ Damit nicht jeder Zugang zu den Anzeigen hat, haben einige Seiten inzwischen einen geschützten Bereich, der nur mit Paßwort zu erreichen ist. Florians Möwe dagegen ist auch für zufällige Besucher ein Zeichen für den Wunsch nach einem Wiedersehen. Florians Mutter hat die Seite für alle Internetnutzer zugänglich gelassen.

(Quelle: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/internet-friedhoefe-liebe-ist-unsterblich-der-tod-nur-ein-horizont-1192043.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)