Virtuelles Gedenken gegen das schnelle Vergessen

Neue Osnabrücker Zeitung vom 08.10.2004

„Wir werden dich nie vergessen“ – Das Versprechen ziert unzählige Traueranzeigen. Trotzdem, oft verblasst die Erinnerung schnell. Ein Weg gegen das Vergessen: Trauer-Seiten im Internet.

Wer auf die Internetseite www.memoriam.de klickt, findet virtuelle „Gräberfelder“. „Und Liebe ist unsterblich, und der Tod nur ein Horizont, und der Horizont ist nur die Grenze unseres Blickes“ ist zum Beispiel über den jungen Florian zu lesen. Im Internet versuchen Hinterbliebene, ihrer Trauer Herr zu werden und an den geliebten Verstorbenen zu erinnern.

Was als private Gedenkseite begann, ist heute die Adresse für den Internet-Friedhof des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. „Wir hatten 2004 bisher rund 100000 Besucher“, sagt Kai Sender, der das Portal ins Leben gerufen hat.

Für Cordula Caspary, Bestatterin aus Bremen, ist das Gedenken an den Toten im Internet auch Folge eines Zeichen- und Ritualverlustes. „Wir haben viele Rituale aufgegeben“, sagt die 38-Jährige. „Die Internet-Gedenkstätten haben ihre Wurzel in der verstärkten Individualisierung unserer Gesellschaft.“ Internet-Friedhöfe seien sicher auch eine Form der Emanzipation vom Einfluss des Glaubens.

Die virtuellen Gedenkstätten sollen den Gang zur Grabstelle nicht ersetzen. Wenn es jedoch wie bei einer Seebestattung keine Grabstelle gibt, ist der virtuelle Friedhof oft der einzige Erinnerungsort.

Ein anderes Motiv: „Wer sich nicht verabschieden konnte, holt das im Internet nach“, erklärt Dr. Ira Spieker, Kulturwissenschaftlerin am Institut für Rurale Entwicklung der Universität Göttingen. Sie sieht das Bedürfnis, Trauer öffentlich zu machen und die Individualität des Toten darzustellen. „Virtuelle Traueranzeigen sind auch eine Form der Selbstdarstellung des Angehörigen, der die Anzeige aufgibt. Man bringt sich selbst ins Spiel.“

Wer möchte, kann auch die Stimme des Toten oder einen Film in die persönliche Seite einbinden. Auf US-amerikanischen Seiten können Besucher in Anlehnung an das Anzünden einer Kerze virtuelle „Candles“ oder „Flowers“ am Cyberfriedhof hinterlassen.

Manche Internet-Seiten gehen weit über Trauern und Erinnern hinaus: „Es gibt auch Seiten, die das ewiges Leben versprechen oder die per Mail Kontakt mit dem Toten vorgaukeln“, kritisiert Cordula Caspary. Ewigesleben.de ist so eine Seite. Solange es das Internet gebe, wird hier suggeriert, sei der Tote „unsterblich“ und könne nicht vergessen werden. „Das ist natürlich völliger Quatsch“, meint Franz Herzog, Referent für die deutsche Bischofskonferenz der katholischen Kirche. „Das ist das Makabre an den Seiten: Sobald man sie aus dem Netz nimmt, wird der Mensch quasi „gelöscht“.

Auch die Preisgabe von intimen Gedanken und Erinnerungen bleibt bedenklich – wer eine Internet-Anzeige für einen Verstorbenen schaltet, nimmt das wohl in Kauf. „Viele Menschen kommen durch Zufall auf die Trauerseiten und lesen aus Neugierde“, meint die Bestatterin.

Ira Spieker geht sogar einen Schritt weiter: „Die virtuellen Gedenkstätten üben dieselbe Faszination wie Fernseh-Soaps aus. Weil die Todesfälle in der Realität geschehen sind und nicht in einem Drehbuch standen, sind die Internet-Friedhöfe vielleicht noch spannender als Soaps.“ Deshalb sind inzwischen viele Internet-Friedhöfe mit einem Passwort für den zufälligen Besucher gesperrt.

(Quelle: http://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/392120/virtuelles-gedenken-gegen-das-schnelle-vergessen)